Das Paradies. Ein verbotener Garten? Ein rotierendes Leuchtherz auf einem Holzschuppen verheisst­ einiges und bunte Plastikensembles in noch komplexerer Struktur machen Ihren Hamster heiss ... Wir erleben die einleuchtende Reproduktion von Natur(-nähe) in Natur(-nähe) und eine Pumpe pumpt und pumpt und pumpt, während vertraute Klänge in unvertrautem Kontext irritieren. Und ein sehr altes Pärchen steht staunend in der Gegend. Ein Garten. Ein verbotener Garten? Ein Paradies! Und das Beste: ­ Sie sind willkommen!

Zwischen Idyllekritik und Identitätstheorie, Religionsphilosophie und Kleintierhaltung: Erleben Sie künstlerische Positionen zum Paradiesthema und zahlreiche spannende Veranstaltungen. Auf einem wunderbaren Areal, direkt neben den ­Herrenhäuser Gärten.

Vom 19.06. - 06.09.2009



 

 

Verdammt lang her! Heinke Binder Heinke Binder inszeniert Adam und Eva vor dem Sündenfall, wie wir sie noch nie gesehen haben, wie sie aber viel wahrscheinlicher ausgesehen haben als uns die bekannten Meisterwerke der Kunstgeschichte glauben machen wollen: als Neandertaler und Neandertalerin. Unser Erbgut ist bekanntlich zu 98,7 Prozent identisch mit dem von Schimpansen und ganz real haben die ersten Menschen ganz anders ausgesehen als die ätherisch schönen Figuren in den Darstellungen, etwa eines Lucas Cranach, uns glauben machen wollen. Das Neandertaler-Adam-und-Eva-Paar erinnert uns auch daran, dass die ersten Menschen sehr viel direkter in und mit der Natur lebten.

Adam und Eva, wie sie Heinke Binder uns hier zwischen Bäumen und Schnellstraße auf dem Weg zu ihrem Lagerplatz präsentiert, zeigen uns im Grunde, wie weit ein Leben in einem paradiesischen Garten Eden von unserer heutigen zivilisatorischen Realität entfernt ist. Dabei machen die beiden Urmenschen übrigens einen sehr wohlgelaunten Eindruck, der der Arbeit einen durchaus humorvollen Unterton verleiht. Nebenbei kommen sie uns so auf sympathische Weise recht nah und es stellt sich ein Effekt des Erschreckens über Ähnlichkeit ein, den wir auch von den täuschend echten Menschenskulpturen von Duane Hanson kennen – hier allerdings ist das Schreckmoment des Erkennens eines, das unser animalisches Erbe betrifft.

 

 

 

paradise dissected Swaantje Güntzel Ihr Thema ist das Verhältnis von Mensch und Natur, menschliche Eingriffe in die Natur, die dem Gedanken entspringen, der Mensch sei über die Natur erhaben, könne sie beliebig nach seinen Vorstellungen formen und mit ihr nach seinem Willen verfahren. Ihre Installation erhebt sich wie eine utopistische Stadt mit futuristischen Elementen auf der idyllischen Rasenfläche. Im Näherkommen erkennen wir, dass es sich um ein kunterbuntes Gewirr von Röhren handelt, durch das mehrere Käfigeinheiten verbunden sind, wie wir sie aus der Kleintierhaltung kennen. Nur dass diese Käfige sehr viel bunter und dabei durch und durch transparent sind. Es handelt sich um Hamsterkäfige sowie Fress-, Trink- und Spielmodule von verschiedenen Herstellern aus den USA, Kanada und Italien.

Die Elemente imitieren mit ihren labyrinthisch verschlungenen Gängen und zahlreichen Aufenthaltsorten natürliche Hamsterbauten, allerdings haben sie einen entscheidenden Fehler: Das Tier kann sich anders als unter der Erde im Kunststoffbau nicht verstecken, sondern steht unter permanenter Beobachtung des Menschen. Und so ist dieses System ganz auf den Menschen und nicht auf das Tier ausgerichtet – ein Sinnbild dafür, wie der Mensch seine Vorstellung von artgerechter Tierhaltung der Kreatur aufoktroyiert. Bei uns in Deutschland konnten diese Systeme sich zwar nicht durchsetzen, aber die Haltung des Menschen gegenüber dem Tier ist auch hier im Allgemeinen nicht viel anders. Tiere werden in unserer Welt entweder unter übelsten Bedingungen gehalten, um gegessen zu werden, oder sie werden wie Menschen behandelt. Man zieht Ihnen Kleider an, kauft Ihnen Spielzeuge und bunte Plastikbehausungen. Das Paradies präsentiert sich in der Installation von Swaantje Güntzel zunächst sehr spielerisch, im Grunde aber bitterböse: als eine perverse menschliche Konstruktion, als goldener bzw. kunterbunter Käfig ohne Ausweg.


 

 

 

Parallelwelten Jörg Hufschmidt Aus zahlreichen kleinen Lautsprechern tönen Beeps, wie wir sie aus den Kassenbereichen von Supermärkten kennen. Dem zugrunde liegt ein Zweitonverfahren – die einfachste Form von Komposition oder Melodie. An der Supermarktkasse signalisieren die Töne der Kassiererin, ob die Ware korrekt über den Scanner gezogen wurde. Ist das der Fall, gibt es einen positiven Beep, ist es nicht der Fall, ertönt ein anderer Ton. Der Ton verbindet Mensch und Maschine bzw. verlängert er die Maschine quasi in den Menschen. Und so nervtötend und durchaus krankmachend diese Töne im Supermarkt für die Frauen und Männer sind, die dort acht Stunden arbeiten müssen – hier in der freien Natur entfalten sie durchaus eine gewisse Schönheit und treten, mal lauter, mal leiser, in Dialog mit den natürlichen Lauten und der nahen Schnellstraße.

Indem der Künstler die eintönige Melodie unserer Konsumparadiese in das System Natur implementiert, scheint es, als gäbe es keinen Konsumterror und keine weltweite Wirtschaftskrise, kein reich und kein arm, als ließe sich alles in einer paradiesisch verstandenen Natur auflösen, wenn da die Schnellstraße nicht wäre und wenn da die krankmachende Wirkung dieser Töne nicht wäre. Die Auflösung des Gegensatzes von Natur und Kultur ist, wie bereits erwähnt, ein utopistischer Gedanke, der in der Frühromantik eine hohe Konjunktur hatte und der zugleich immer auch ein Stück Kulturkritik beinhaltet. In dieser vielschichtigen Klangkunstarbeit von Jörg Hufschmidt wird das romantische Ideal von der Poetisierung der Natur durch die Kunst vergegenwärtigt, zugleich präsentiert sich in den bewusst eintönigen Wiederholungen der technischen Melodie unsere Konsumkultur als sinnentleert und fantasielos im Gegensatz zum (klanglichen) Reichtum der Natur. Die Frage, was das Paradies denn eigentlich ist, wird hier letztlich bewusst offen gelassen.

 

 

 

Paradies, nebenan Jan Philip Scheibe Für das Thema Paradies wählt Jan Philip Scheibe das Herz als doppeldeutiges Symbol. Das Herz steht zum einen in Verbindung mit dem Thema Paradies, weil die Feigenblätter mit denen Adam und Eva nach dem Sündenfall ihre Blöße bedeckt haben, exakt die gleiche Form haben, und weil das Herz zum anderen inhaltlich als Symbol der Liebe und Güte für einen paradiesischen Zustand steht. Aus der Kunstgeschichte kennen wir Darstellungen von Maria oder Jesus mit einem leuchtenden Herzen. Der Strahlenkranz signalisiert das Ausstrahlen von Güte und Liebe. Auch das Herz von Jan Philip Scheibe leuchtet und erhebt den alten, halb verwitterten Schuppen, auf dessen Dach es installiert ist, quasi zu einer Art Kathedrale der Liebe. Es blinkt zudem noch und rotiert um die eigene Achse – wie eine Werbetafel. Damit bringt Scheibe eine weitere ganz andere Bedeutung des Herz-Symbols ins Spiel.

Auch im Rotlichtgewerbe, in dem es ja auch um Liebe im weitesten Sinne, nämlich um käufliche Liebe in Form von Sex geht, wird das Herz als Symbol eingesetzt, in der Regel in Verbindung mit erotischen Reizen. Diese zweite Bedeutungsebene lässt den Schuppen in einem ganz anderen Licht dastehen: als schäbige Absteige, in dem sich vielleicht ein Bordell befindet. Und so ergibt sich insgesamt ein doppeldeutiges Bild der Liebe und eine doppeldeutige Sicht darauf, was wir unter paradiesisch verstehen. Interessanterweise hat neben dem Herzen auch die Nacktheit eine unterschiedliche Bedeutung in beiden Zusammenhängen: im christlich gedachten Paradies ist Nacktheit ein Symbol der Unschuld, die nach dem Sündenfall bedeckt werden muss – eben mit dem herzförmigen Feigenblatt – und im Rotlichtmilieu ist sie Symbol für die käufliche Verfügbarkeit des Körpers. Scheibe hat hier sehr treffsicher ein Symbol eingesetzt, das in seiner Widersprüchlichkeit das Thema Paradies im irdischen wie im himmlischen Sinn thematisiert.

 

 

 

Aeonium Teresa Mazuela Sequeira Teresa Mazuela Sequeira wählt eine poetische Form der Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie sagt, vielleicht sei das Paradies einfach ein Moment, der im tiefsten dunklen Dickicht als Licht erscheint. Und ein solches Lichtmoment setzt sie in ihrer Installation. Die beiden im Dickicht halb verborgenen Leuchtkästen zeigen Fotos eines Dickblattgewächses mit dem griechischen Namen Aeonium vor einem dschungelartig anmutenden Hintergrund. Die Aufnahmen erinnern in ihrer malerischen Wirkung ein wenig an Henri Rousseau, den Maler der Harmonie zwischen Mensch und Natur. Aeonium bedeutet übersetzt soviel wie ewig, ausdauernd. Und natürlich hat die Vorstellung des Paradieses etwas mit dem Thema Ewigkeit zu tun: Nach der christlichen Vorstellung geht der Mensch nach dem Tod in das so genannte ewige Paradies ein.

Teresa Mazuela Sequeira holt mit ihrer Intervention das Paradies ein Stück weit auf die Erde in einen gewöhnlichen Garten und lädt damit ein, zu überlegen, welche kleinen Momente, Zustände, Erlebnisse oder Erinnerungen im alltäglichen Leben vielleicht durchaus paradiesisch sind, aber schnell übersehen werden. Auch ihre Arbeit verbindet Natur und Kunst und steht damit in der Tradition romantischer Naturvorstellungen wie wir sie bei Novalis oder den Gebrüdern Schlegel finden, nach denen es immer um die im Grunde unmögliche Überwindung der Gegensätze zwischen Kunst und Natur geht, um eine Poetisierung des Lebens und der Natur durch die Kunst – ein zugegeben utopistisches Projekt. Zwischen natürlicher Pflanze und Kunst, zwischen Original und Abbild besteht eine Gegensätzlichkeit, deren Bedeutung uns weiter führt zum elementaren Widerstreit zwischen natürlicher und menschlicher Schöpfung, der als unauflösbarer Widerspruch stehen bleibt. Und so ist diese Arbeit schön und diskrepant zugleich.

 

 

 

Wasserveredlung Fabian Vogl Fabian Vogls Arbeiten verbinden gesellschaftskritische Aspekte mit einem häufig sehr persönlichen Blick auf die Dinge. In seiner Installation „Wasserveredlung“ führt er Technik und Natur zu einem scheinbar harmonischen Gesamtkunstwerk zusammen. Mittels verschiedener Infusionsvorrichtungen fügt er gewöhnlichem Wasser geweihtes Wasser in homöopathischen Dosen hinzu und schickt es dann durch ein System von Pumpen und Schläuchen auf die Reise. Nach der Infusionsstation, die aus einem technisch anmutenden, gewundenen Schlauchgewirr besteht, wird das Wasser hoch hinauf in die Baumkronen gepumpt. Von dort geht es in einen künstlich angelegten Teich und wieder hinauf in den Baum, um dann schließlich wieder in der Infusionsstation anzukommen.

Das Sinnbild des Lebens als ewiger Kreislauf wird hier in der Tradition der Beuysschen Honigpumpe am Arbeitsplatz als Installation zwischen Technik und Natur inszeniert, auch die Geräusche folgen diesem Gegensatz: Da steht das Plätschern des Wassers als lebensspendendem Element dem brummenden Ton der motorbetriebenen Pumpe gegenüber. Darüber hinaus wird die Ewigkeit im Bild vom ewigen Kreislauf passenderweise vom Weihwasser symbolisch injiziert. Und so ist Fabian Vogls Bewässerungsanlage für einen Paradiesgarten ein kluger und zugleich lakonischer Kommentar zum Thema Paradies, in dem sich diametrale Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen fügen, freilich nicht ohne ein Augenzwinkern.